Domaine Henri Gouges
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Kaum ein Weingut ist so eng mit der Geschichte von Nuits-Saint-Georges verbunden wie die Domaine Henri Gouges. Seit über einem Jahrhundert prägt die Familie den Stil der Gemeinde und zählt zu den großen Bewahrern des burgundischen Terroir-Gedankens.
Während viele berühmte Domänen vor allem durch spektakuläre Grand-Cru-Lagen bekannt wurden, beruht der Ruf von Henri Gouges auf einer anderen Stärke: der kompromisslosen Interpretation der Premier Crus von Nuits-Saint-Georges (wo es keine Grand Cru gibt) und dem festen Glauben daran, dass Größe nicht aus Kellertechnik, sondern aus dem Weinberg entsteht. Die Geschichte beginnt 1919, als Henri Gouges (1889–1967) nach dem Ersten Weltkrieg erste Weinberge erwirbt. Die wirtschaftlich schwierige Zeit ermöglicht ihm den Aufbau eines außergewöhnlichen Besitzes, der heute rund 14 Hektar ausschließlich innerhalb der Gemeinde Nuits-Saint-Georges umfasst. Henri Gouges war jedoch weit mehr als nur Winzer. Er gehörte zu den einflussreichsten Persönlichkeiten Burgunds, setzte sich früh für die Abfüllung auf dem Weingut ein – damals keineswegs selbstverständlich – und engagierte sich maßgeblich für den Schutz der Herkunftsbezeichnungen. Als Präsident des Syndikats der Grands Vins de Bourgogne und Vertreter Burgunds im INAO trug er wesentlich zur Entwicklung des französischen Appellationssystems bei. Der Familienbesitz wurde über vier Generationen kontinuierlich erweitert. Heute führen Grégory und Antoine Gouges, Urenkel des Gründers, das Weingut. Sie verbinden den traditionellen Stil der Familie mit einem zeitgemäßen Verständnis von Weinbau. Die Bewirtschaftung erfolgt ausschließlich in Nuits-Saint-Georges, die Weinberge werden von Hand gelesen, der Ausbau erfolgt vergleichsweise zurückhaltend mit etwa 10 bis 30 Prozent neuem Holz.
Zum Besitz gehören einige der renommiertesten Premier-Cru-Lagen der Appellation: Les Saint-Georges, Les Vaucrains, Les Pruliers, Les Chaignots und vor allem der Clos des Porrets Saint-Georges, ein Monopol der Familie. Gerade dieser Wein gilt als Paradebeispiel für den klassischen Stil des Hauses. Hinzu kommen Village-Weine sowie einige Bourgogne-Appellationen. Anders als viele Spitzenbetriebe besitzt Henri Gouges keine Grand-Cru-Parzellen – ein Umstand, der den Ruf des Gutes eher unterstreicht als schmälert. Viele Weinliebhaber sehen die besten Premier Crus des Hauses qualitativ auf Grand-Cru-Niveau. Eine besondere Entdeckung machte Henri Gouges bereits 1930. In einem Pinot-Noir-Weinberg fand er eine Mutation mit weißen Beeren, die später als Pinot Gouges bekannt wurde – eine Variante des Pinot Blanc. Aus ihr entstehen bis heute kleine Mengen Weißwein, darunter der Premier Cru La Perrière, eine Rarität innerhalb von Nuits-Saint-Georges. Stilistisch standen die Weine der Domaine lange für einen ausgesprochen klassischen Burgunderstil. Frühere Jahrgänge galten oft als streng, tanninreich und verschlossen, benötigten nicht selten zehn oder fünfzehn Jahre Flaschenreife, um ihre ganze Eleganz zu entfalten. Diese kompromisslose Ausrichtung machte Henri Gouges zu einer Referenz für Liebhaber langlebiger Burgunder, schreckte aber manche Genießer jüngerer Weine ab. Unter Grégory und Antoine Gouges hat sich der Stil behutsam weiterentwickelt. Die Weine besitzen heute mehr Präzision, feinere Tannine und eine klarere Frucht, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Die Vinifikation erfolgt schonend mit Schwerkraft, die Extraktion ist eher infusionsartig als kraftvoll, wodurch Transparenz und Terroirausdruck stärker in den Vordergrund treten. Das Ergebnis sind Weine, die heute früher zugänglich erscheinen, zugleich aber weiterhin ein enormes Reifepotenzial besitzen.
© Fotos: Domaine Henri Gouges