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GG - Große Gewächse kaufen

380 Weine später – warum die VDP.Vorpemiere in Wiesbaden sein muss 

Kolumne von Christoph Raffelt

„Es ist Sonntag, kurz vor 10 Uhr. Eigentlich genau die richtige Zeit, um die frisch beim Bäcker geholten Croissants und Brötchen auf den Tisch zu stellen und den Rest der Familie zu rufen. Stattdessen habe ich früh das Gästehaus eines befreundeten Winzers in Rheinhessen verlassen, um pünktlich an den Kurhauskolonnaden in Wiesbaden einzutreffen. Ich bin unterwegs zur Vorpremiere VDP.Großes Gewächs 2026, wie es offiziell heißt. Wiesbaden also … Ich habe gar nicht gezählt, wie oft ich mir die Vorpremiere schon angetan habe, und jedes Mal denke ich: Das ist das letzte Mal. Nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen der Vielzahl an Großen Gewächsen, im allgemeinen GG abgekürzt, die einen dort erwarten. Dieses Mal waren es „nur“ 396, und ich versuche an den drei Verkostungstagen, mehr oder weniger alle zu schaffen. Am Ende waren es 380. Das ist ’ne Menge, und das lag nicht zuletzt daran, dass 2025 ein charmanter Jahrgang ist.

Ich wurde schon oft gefragt, wie man eine solche Anzahl an Weinen verkraftet. Natürlich wird alles und ausschließlich gespuckt, aber die Schleimhäute nehmen trotzdem Alkohol auf – gesund ist das also nicht. Die Zahnhälse werden ebenfalls angegriffen, auch wenn ich sie schon lange mit elmex opti-schmelz präpariere. Irgendwann hinterlassen die Säuren ihre Spuren, auch an den Außenseiten der Zunge. Aber der Geschmackssinn hat auch dieses Mal wieder von Sonntag, 10 Uhr, bis Dienstag, 16 Uhr, funktioniert. Das hat sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte, in denen ich Weine verkoste, so entwickelt. Als ich das erste Mal auf einer ähnlichen Veranstaltung war, bin ich nach 20 Weinen nach Hause gegangen. Da lief gar nichts mehr.

Warum also tue ich mir das an? Weil es interessant ist, weil es ein Klassentreffen mit Menschen ist, die ich im Zweifelsfall nur einmal im Jahr sehe, weil die Veranstaltung hervorragend vom VDP organisiert wird und weil man nirgendwo sonst einen so guten Überblick über den Jahrgang erhält wie dort.

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Die nackten Zahlen sind folgende: 594 GGs wurden in diesem Jahr von den Regionalverbänden geprüft und zugelassen, 396 Weine wurden in Wiesbaden angestellt, rund 56 % der Weine sind Rieslinge, auf Platz zwei liegen die Spätburgunder mit 22 %. Dazu gibt es Früh-, Weiß- und Grauburgunder sowie Silvaner, Lemberger und Chardonnay. Nur der Riesling ist in allen Anbaugebieten als GG zugelassen, der Spätburgunder in fast allen und der Silvaner beispielsweise nur in Franken, leider nicht in Rheinhessen. Auch der Chardonnay ist bisher weder in Rheinhessen noch in Franken zugelassen, obwohl es dort sehr gute gibt.

Seit dem Jahr 2002 gibt es die Großen Gewächse. Sie bilden die Spitze der Qualitätspyramide des Verbandes und können nur aus Lagen erzeugt werden, die als VDP.Große Lagen klassifiziert sind. Wird aus einer solchen Lage ein Großes Gewächs einer bestimmten Rebsorte gekeltert, darf kein weiterer trockener Wein dieser Rebsorte den Lagennamen tragen. Wittmanns Morstein Riesling beispielsweise gibt es nur als Großes Gewächs. Alles andere, was er als Riesling aus dem Morstein erzeugt, ist dann Ortswein oder Gutswein. Eine Ausnahme bilden Prädikate, also restsüße Weine wie Spätlesen oder Auslesen, die parallel erzeugt werden dürfen. 

Andere zugelassene Rebsorten können dagegen ebenfalls mit dem Lagennamen erscheinen. So erzeugt das Weingut Bercher aus dem Burkheimer Feuerberg beispielsweise Grauburgunder, Weißburgunder und Spätburgunder als GG.
Diese Qualitätspyramide mit den GGs an der Spitze hat sich etabliert. National wie international ist sie weitgehend verständlich. Dass rund 250 Verkosterinnen und Verkoster aus anderen europäischen Ländern und aus Übersee ihren Weg nach Wiesbaden finden, liegt nicht nur daran, dass der VDP die Reise organisiert und die Journalisten, Händler, Influencer oder was auch immer vorher noch ein paar Tage in verschiedene Weinbaugebiete schickt.

Es besteht ein großes Interesse daran, diese Weine international zu verkaufen, denn der heimische Markt reicht nicht aus. Im Gegensatz zur Kundschaft von Pese Wein wird hierzulande nämlich am liebsten restsüßer Primitivo, Prosecco Frizzante oder Tankware aus Spanien getrunken, die hier dann in großen Mengen zu Sekt verarbeitet wird. Importwein mit großen Marketingbudgets, gegen den es heimische Weingüter oft schwer haben. Die Weine aus den Großen Lagen, GGs und Prädikatsweine mögen nur 5 % der Produktion der VDP-Weingüter ausmachen, doch sie sind oftmals die Visitenkarte und der Türöffner eines Weinguts in den Markt. Genau deshalb ist die Vorpremiere der Großen Gewächse für den VDP so entscheidend – und sind die Großen Gewächse so wichtig für den deutschen Wein."

Christoph Raffelt schreibt seit 2007 über Wein. Seit 2013 publiziert er den Podcast Originalverkorkt.
© Bilder VDP. Peter Bender

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