Champagne Philipponnat
„In ständiger Bewegung, ganz natürlich“
Pierre Philipponnat
Pierre Philipponnat
Nur wenige Champagnerhäuser können ihre Geschichte so weit zurückverfolgen wie Philipponnat. Bereits 1522 wird Apvril Le Philipponnat als Besitzer von Weinbergen bei Aÿ erwähnt. Der aus Freiburg in der Schweiz stammende Vorfahre der Familie hatte sich in der Champagne niedergelassen und durch seine Heirat Weinberge in Aÿ und Mareuil erworben. Sechzehn Generationen später ist der Name Philipponnat noch immer eng mit diesen Orten verbunden. Die eigentliche Maison entstand allerdings erst deutlich später. Auguste und Pierre Philipponnat gaben dem Familienbetrieb 1910 eine neue Struktur, gründeten eine eigene Gesellschaft und erwarben die historischen Keller des Château de Mareuil. Von dort aus entwickelte sich Philipponnat zu einem Champagnerhaus mit einem klaren, eigenständigem Stil. Heute bewirtschaftet das Haus rund 20 Hektar eigene Weinberge, überwiegend Premier- und Grand-Cru-Lagen in Aÿ, Mareuil-sur-Aÿ und Avenay-Val-d’Or. Hinzu kommen langjährige Beziehungen zu Winzern, die weitere Trauben liefern. Seit 2000 steht mit Charles Philipponnat wieder ein direkter Nachfahre der Familie an der Spitze des Hauses. Im Mittelpunkt steht der Pinot Noir. Während viele große Häuser ihre Identität über eine möglichst breite Assemblage unterschiedlichster Herkünfte definieren, ist Philipponnat deutlich stärker an der Grande Vallée de la Marne verankert. Vor allem die nach Süden ausgerichteten Kreidehänge rund um Aÿ und Mareuil-sur-Aÿ liefern einen Pinot Noir, der Kraft und Reife mit einer ausgeprägten mineralischen Spannung verbindet.
Das Haus selbst beschreibt seinen Stil über drei Säulen: die Intensität dieses Pinot Noirs, die Spannung der Kreideböden sowie eine möglichst präzise Vinifikation. Die Trauben sollen entsprechend reif gelesen werden, ohne Frische einzubüßen. Verwendet wird ausschließlich der Saft der ersten Pressung, der sogenannten Cuvée. Ein Teil der Weine vergärt beziehungsweise reift im Holz, und je nach Jahrgang und Cuvée wird die malolaktische Gärung teilweise oder vollständig vermieden. So bleibt die natürliche Säure erhalten, die den eher kraftvollen Pinot-Noir-Stil des Hauses ausbalanciert. Auch die Dosagen liegen bei den hochwertigen Jahrgangschampagnern meist niedrig; viele Cuvées werden als Extra Brut mit rund 4 g/l dosiert.
Eine besondere Rolle spielt dabei die réserve perpétuelle.
Bereits seit 1946 bewahrt Philipponnat einen Teil seiner Reserveweine nach einem fortlaufenden System auf. Jedes Jahr werden Weine der neuen Ernte mit einem Anteil der bereits vorhandenen Reserve vermählt, von der wiederum ein Teil für die kommenden Jahre zurückbehalten wird. Im Gegensatz zu einer klassischen Solera geht es nicht um oxidative Reifung, sondern um Kontinuität und Komplexität. Die älteren Weine verleihen Tiefe und Würze, ohne die Frische der jüngeren Jahrgänge zu überdecken. Diese Methode prägt vor allem die "Réserve Perpétuelle", die frühere "Royale Réserve", und bildet das stilistische Fundament des Hauses.
Doch ein Wein überragt bei Philipponnat alle anderen: der "Clos des Goisses".
Er stammt aus dem gleichnamigen, knapp sechs Hektar großen, von Mauern umgebenen Weinberg und erhebt sich unmittelbar über der Marne bei Mareuil-sur-Aÿ. Seine Hänge erreichen Steigungen von 35 bis 45 Grad und sind exakt nach Süden ausgerichtet. Die Kreide liegt vielerorts unmittelbar unter einer dünnen Bodenschicht. Dadurch entsteht eines der wärmsten und sonnenreichsten Mikroklimata der Champagne.
Pierre Philipponnat erkannte das Potenzial dieses damals teilweise vernachlässigten Weinbergs und erwarb ihn 1935. Seine Entscheidung war bemerkenswert, denn zu jener Zeit galt gerade die Kunst der Assemblage als Ideal der Champagne. Einen einzelnen Weinberg separat zu vinifizieren und als eigenständigen Champagner abzufüllen, war nahezu revolutionär. "Clos des Goisses" gilt deshalb als der erste große parzellenreine Champagner der Region und wurde zum Vorbild für die vielen Lagen- und Parzellencuvées, die heute eine wichtige Rolle spielen.
Der Name ist dabei Programm: "Gois" oder "Goisse" bezeichnet im alten lokalen Sprachgebrauch einen extrem steilen Hang, dessen Bearbeitung Mühe bereitet. Die fast senkrechte Sonneneinstrahlung sorgt für außergewöhnlich hohe Reife, während die pure Kreide Spannung und Frische bewahrt. Pinot Noir dominiert, ergänzt von Chardonnay. Der Wein wird überwiegend im Holz vinifiziert, ohne malolaktische Gärung ausgebaut und erst nach langer Hefereife degorgiert. Die Kombination aus Kraft, Tiefe und mineralischer Strenge unterscheidet ihn deutlich von vielen klassischeren Champagnerstilen.
Der "Clos des Goisses" bedeutet für das Haus viel mehr, als nur die Erzeugung der Prestige-Cuvée. Er verkörpert die Vorstellung von Champagner, die Charles Philipponnat für das gesamte Haus verfolgt: Reife ohne Schwere, Pinot-Noir-Kraft ohne Verlust an Frische und möglichst deutliche Herkunft. Mittlerweile werden mit "Les Cintres" im Herzen des Clos sowie "Le Léon" in Aÿ und "La Rémissonne" weitere historische Parzellen separat vinifiziert.
Auch die "Cuvée 1522" schlägt eine Brücke zwischen Geschichte und Herkunft. Ihr Name erinnert an die erste urkundliche Erwähnung der Familie in der Champagne. Im Mittelpunkt steht wiederum Pinot Noir aus historischen Parzellen in Aÿ, ergänzt um Grand-Cru-Chardonnay und weitere große Pinot-Noir-Terroirs. Ein erheblicher Teil wird im Holz und ohne malolaktische Gärung ausgebaut; lange Hefereife und geringe Dosage sorgen für zusätzliche Tiefe, ohne den mineralischen Charakter zu überdecken.
In den Weinbergen wird heute auf Herbizide verzichtet, die Böden werden mechanisch bearbeitet, Begrünungen, Hecken und Bienenstöcke sollen die Biodiversität fördern. Charles Philipponnat beschreibt diesen Umgang mit den Weinbergen weniger als modisches Nachhaltigkeitskonzept denn als Konsequenz aus fünf Jahrhunderten Familiengeschichte: Wer ein solches Erbe übernimmt, trägt auch Verantwortung dafür, es an die nächste Generation weiterzugeben.
Vielleicht erklärt das auch den besonderen Charakter von Philipponnat. Das Haus besitzt die Geschichte und das Renommee einer klassischen grande marque, denkt in vielen Bereichen aber eher wie ein ambitioniertes Weingut. Einzelne Parzellen, die Reife der Trauben, unterschiedliche Böden und der Charakter eines Jahrgangs werden nicht hinter einem möglichst unveränderlichen Hausstil versteckt. Gerade der "Clos des Goisses" zeigt, wohin dieses Denken führen kann.
© Fotos: Champagne Philipponnat
Preise inkl. MwSt.